Zur autoritären Wende in Nicaragua
Dora María Téllez im Gespräch mit Ulrike Lunacek
In einem von WIDE organisierten Workshop auf der Entwicklungstagung 2025 in Innsbruck, moderiert von Ulrike Lunacek, sprach Dora María Téllez, ehemalige sandinistische Guerrilla-Kommandantin, Politikerin und Historikerin, über die autoritäre Wende in Nicaragua.
Was ist passiert, dass sich die sandinistische Revolution, die sich soziale Anliegen und Humanismus auf die Fahnen geschrieben hatte, und mit der sich eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung in den USA und Europa solidarisiert hatte, in eine repressive Diktatur verwandelt hat, die auch vor ehemaligen Mitstreiter*innen nicht Halt macht – im Gegenteil?
Dora María Téllez hatte sich mit 19 Jahren, während ihrer Zeit als Medizinstudentin, in den 1970er Jahren der revolutionären „Frente Sandinista de Liberación Nacional“ (FSLN) angeschlossen, weil es – wie sie sagte – unter der jahrzehntelangen Somoza-Diktatur keinen politischen Freiraum und keine Chancen auf Veränderungen gab. Eines Tages hieß es, sie müsse in den Untergrund gehen – das bedeutete für sie den Beginn als Guerrilla-Kämpferin und viele Jahre lang ein sehr hartes, gefährdetes Leben in den Bergen, mit geringen Überlebenschancen. Sie brachte einen starken Willen mit und hatte viel Glück, wie sie sagte. Sie wurde Kommandantin der Westfront, die als erste Guerrilla-Einheit eine Region in Nicaragua befreien konnte.
Die FSLN war eine Organisation der revolutionären Linken mit einem starken Commitment zu sozialer Gerechtigkeit, aber nicht gleichermaßen für die liberale Demokratie, führte Dora María Téllez zur Frage nach den Hintergründen zur autoritären Wende aus. Zur Demokratie gab es damals unterschiedliche Vorstellungen. Für viele war die kubanische Revolution das Vorbild. Eine bewaffnete Bewegung ist zudem hierarchisch strukturiert; es sei nicht einfach, das später zu verändern, und es sei an sich schwierig, dass eine bewaffnete Bewegung den Weg frei macht für Wahlen und die Abgabe der Macht.
Einen Knackpunkt für die autoritäre Wende sieht sie in der Interpretation der Wahlniederlage der Sandinist*innen von 1990 (nach 11 Jahren an der Macht seit der Revolution 1979). Die friedliche Machtübergabe der FSLN an die rechte Opposition hatte parteiinterne Diskussion darüber ausgelöst, ob die Machtübergabe richtig oder ein Fehler gewesen sei. Eine Fraktion unter Daniel Ortega, der sich seit der Wahl 1984 als Präsident und alleinige Führungsperson positioniert hatte – davor hatte es eine kollektive Führung gegeben –, kam laut Téllez zu dem Schluss, dass die Abhaltung freier, fairer Wahlen und die Machtübergabe ein Fehler gewesen sei. Die Fraktion um Ortega argumentierte dabei vor allem mit dem massiven US-Druck und dem anhaltenden Contra-Krieg gegen Nicaragua als Ursache für die Wahlniederniederlage.
Téllez und andere mit ihr sahen es hingegen als eine Errungenschaft der sandinistischen Revolution an, der Demokratie den Weg gebahnt zu haben. Sie betrachteten neben dem Contra-Krieg und der US-Blockadepolitik gegen Nicaragua auch die zunehmend autoritären Tendenzen gegenüber anderen politischen Kräften im Land als Ursache für den Verlust der FSLN-Mehrheit bei den Wahlen. Sie waren der Meinung, es müsse darum gehen, durch Überzeugungsarbeit eine Mehrheit der Menschen wieder für die Sandinist*innen zu gewinnen.
Die FSLN war nie in der Opposition gewesen, sondern durch den bewaffneten Kampf an die Macht gekommen. In Bezug auf die Rolle der Sandinist*innen in der Opposition gab es in der Folge weitere innerparteilichen Bruchlinien: Die Fraktion um Ortega war der Meinung, dass die Opposition gegebenenfalls auch gewaltsam agieren sollte, und sie empfand die Forderung nach einer Demokratisierung der Parteistrukturen als Bedrohung.
1995 kam es zum offenen Bruch, als sich herauskristallisierte, dass innerparteiliche Veränderungen nicht möglich waren. Die kritisch gesinnten Sandinist*innen entschlossen sich dazu, eine demokratisch fundierte sandinistische Partei aufzubauen, was in die Gründung einer sandinistischen Erneuerungspartei (Movimiento Renovador Sandinista, MRS) mündete. Sie waren allerdings in der Minderheit; Ortega konnte mit seinen Positionen mehr Menschen an sich binden. Als psychologische Momente dafür sieht Dora María Téllez einerseits die historisch verankerte politische Kultur des Caudillismo und andererseits die tiefe Frustration vieler Sandinist*innen, die viele Opfer gebracht hatten und das Gefühl hatten, wieder alles zu verlieren.
Der Bruch war von bösen Vorwürfen begleitet, sie seien Verräter*innen, Angehörige des CIA und anderes.
Dora María Téllez ist eine politische Frau durch und durch. Es brauche Ausdauer, einen langen Atem, um Veränderungen zu erreichen. Als die Sandinistische Erneuerungsbewegung nach der Wiederwahl der FSLN unter Daniel Ortega im Jahr 2008 verboten wurde, ging Dora María Téllez in einen öffentlichen Hungerstreik, mit einem Sessel und einer Hängematte ausgerüstet auf dem Platz vor der Kathedrale in Managua. Ihre Hoffnung sei nicht gewesen, durch ihre Aktion das Parteiverbot rückgängig machen zu können, sondern sie wollte die Menschen aufrütteln; aufzeigen, dass etwas schief läuft.
In dieser zweiten Phase der sandinistischen Regierung unter Ortega (ab 2007) gerieten bald kritische Medien, die abtrünnigen Sandinist*innen und die Frauenbewegung unter Druck. Letztere wurde vermutlich auch aufgrund persönlicher Motivationen sehr schnell zur Zielscheibe.
Denn die Feministinnen hatten sich 1998 an die Seite der Stieftochter von Daniel Ortega, Zoilamérica (Narváez) Ortega Murillo, gestellt, als sie mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs durch ihn als Mädchen an die Öffentlichkeit gegangen war. Die Feministinnen machten damals – so Dora María Téllez –, was sie immer taten: Sie hörten zu und schenkten dem Opfer Glauben. (Anm.: Anders als ihre Mutter, Rosario Murillo, die ihrem Mann die Stange hielt und heute als Co-Präsidentin Nicaraguas hauptverantwortlich ist für die Repression gegen Mitglieder der engsten Führungsriege um Daniel Ortega, der inzwischen schon länger schwer krank ist).
Heute ist die Frauenbewegung in Nicaragua, die sich durch eine große Unabhängigkeit von der FSLN ausgezeichnet und eigene Forderungen vertreten hatte, praktisch zerschlagen. Alle Frauenhäuser, die die die Frauenbewegung als Schutzhäuser für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder geschaffen hatte, wurden geschlossen. Alle Medien der Frauenbewegung wurden eliminiert, alle Foren zerstört. Unzählige NGOs wurde verboten, Feministinnen inhaftiert und/oder ins Exil gezwungen. Sogar die beiden sandinistischen Frauenorganisationen, AMNLAE und „Blanca Aráus“ seien inzwischen abgeschafft, so Téllez.
Dem hatten die rechten Parteien und die katholische Kirche anfangs eher nur zugeschaut, denn sie betraf es zuerst nicht. Zudem hatte Ortega mit der katholischen Kirche paktiert und ein Totalverbot des Schwangerschaftsabbruchs versprochen, um im Wahlkampf 2006 ihre Unterstützung zu erhalten. Mit der Zeit geriet jedoch auch die Kirche immer stärker unter Druck, als sich Kirchenvertreter*innen kritisch äußerten; Priester und Bischöfe wurden bespitzelt und verhaftet, und aus Angst vor Versammlungen sogar religiöse Prozessionen verboten.
Die internationale Solidaritätsbewegung hat die Entwicklungen lange Zeit nicht wahrhaben wollen, meinte Dora María Téllez, was eine nicaraguanische Teilnehmerin am Workshop, die im Umweltbereich in Nicaragua gearbeitet hatte, in der anschließenden Diskussion bestätigte. Erst 2018 sei sie einigermaßen aufgewacht, als das Regime Ortega breite soziale Proteste brutal niederschlug und viele junge Menschen ums Leben kamen oder inhaftiert und misshandelt wurden. Seither wurde die Repression immer eiserner.
2021 wurden im Vorfeld der Wahlen auf nationaler Ebene sukzessive alle Oppositionsparteien verboten und eine Reihe von Oppositionspolitiker*innen – neben Journalist*innen, Gewerkschafter*innen, Student*innen, Vertreter*innen der Bäuer*innen- und der Indigenenbewegung – in Haft genommen, darunter Dora María Téllez.
Von der 20 Monate dauernden Haft berichtete sie sehr offen – im Detail nachzulesen in einem Bericht von David Untersmayr für das Paulo Freire Zentrum, dem Veranstalter der Entwicklungstagung 2025 (s.u.).
2021 markiert für Dora María Téllez einen weiteren Wendepunkt: Man gab auf, den Schein zu wahren. Es war egal, dass man sehen konnte, wie Parteien verboten, Bischöfe inhaftiert, Medien zugesperrt wurden. Es gab keine Skrupel mehr – die Meinungsfreiheit war erstickt.
Nach Angaben von Dora María Téllez weiß man derzeit von 70 politischen Gefangenen in Nicaragua. Nicht alle Angehörigen wollen, dass es bekannt wird, dass Familienangehörige im Gefängnis sind. Neben dem Gefängnis gibt es als Repressalie auch zahlreiche Ausweisungen bzw. Deportationen ins Ausland, verbunden mit dem Entzug der nicaraguanischen Staatsbürgerschaft, Beschlagnahmung von Besitz und Entzug aller sozialer Rechte. Oder eine verschleiertere Form der Ausbürgerung, indem Nicaraguaner*innen die Wiedereinreise nach einem Auslandsaufenthalt verweigert wird und/oder ihre Pässe in den Konsulaten nicht verlängert werden.
Im Gespräch auf der Entwicklungstagung betonte Dora María Téllez, dass das Phänomen des Autoritarismus heute nicht zufällig in sehr vielen Ländern existiert. Es handle sich um eine weltweite gesellschaftspolitisch sehr konservative Bewegung, mit einem äußerst traditionellen Familienbild, gegen LGBTIQ-Rechte, welche die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte bekämpft. Man muss sich dazu positionieren, dem entgegentreten.
In Bezug auf Nicaragua brauche es den Druck der europäischen Länder und der EU, um Rechenschaft zu fordern und Ortega vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen.
Téllez plädiert insbesondere für praktische Solidarität mit Migrant*innen und Vertriebenen, und für eine Suspendierung des (Handels-) Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Zentralamerika für Nicaragua aufgrund der Menschenrechtsverletzungen – eine entsprechende Klausel existiert; sie sollte aktiviert werden!
Bericht: Claudia Thallmayer (WIDE)
Zum Weiterlesen:
Untersmayr, David (7.1.2026): Entwicklungstagung 2025, Workshop 6: Was ist nur mit der Revolution passiert? Zur autoritären Wende in Nicaragua
2022 wurde ein UN-Expert*innenteam zur Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen in Nicaragua eingesetzt. Die Berichte finden sich auf der Website des UN-Menschenrechtsrats.
Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog: Raimund Löw im Gespräch mit Dora Maria Téllez, am 24.11.2025 in Wien, mitveranstaltet von WIDE. Youtube – Mitschnitt vom 27.11.2025
Copyright Foto: Maike Schönwolff/Paulo Freire Zentrum
