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Flüchtlinge und Care-Arbeit – Potentiale und Handlungsspielräume

Veröffentlicht am: 10. Juli 2017|Bericht, Publikation|Themen: |

(Juni 2017) Anlässlich des „Internationalen Tags des Flüchtlings“ trat die Katholische Frauenbewegung Österreichs in einer Presseaussendung für einen Perspektivenwechsel in der aktuellen Debatte um Flüchtlinge ein.

„Menschen, die wegen Krieg und Krisen ihre Heimat verlassen mussten, sind nicht nur eine Aufgabe für die Aufnahmeländer, sie sind auch ein enormes Potential, das es wahrzunehmen und dessen Entfaltung es zu fördern gilt“, so Veronika Pernsteiner, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs. In erster Linie sei das Aufgabe des Staates, so Pernsteiner, die auf das überwiegend von Frauen getragene, nach wie vor große ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingsbetreuung hinweist.

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Pernsteiner beruft sich mit ihrem Appell auf Studien der Wirtschaftswissenschafterin und Universitätsprofessorin Luise Gubitzer vom „Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie“ der Wirtschaftsuniversität Wien.

Notwendigkeiten und Potentiale erkennen

„Flüchtlinge sind Menschen mit Fähigkeiten, aber in einer besonderen Lebenslage, in der sie so wie etwa Menschen am Beginn oder am Ende des Lebens der Sorge und Fürsorge bedürfen, um würdig existieren zu können“, so Pernsteiner ausgehend von der Perspektive der Care-Ökonomie. Eine Politik auf der Basis dieser Annahme bedeute, eine qualitativ hochwertige Versorgung in allen Lebensbereichen der Flüchtlinge sicherzustellen und Bedingungen zu schaffen, um die vorhandenen Potentiale eruieren, fördern, vertiefen und weiterentwickeln zu können.

Das habe positive Auswirkungen sowohl für das Aufnahme- als auch für das Herkunftsland. So haben etwa Österreichische Nationalbank, Wirtschaftsforschungsinstitut als auch das Institut für Höhere Studien gleichermaßen errechnet, dass die Flüchtlinge, die seit 2015 nach Österreich gekommen sind, aufgrund der Staatsausgaben für die Versorgungs- und Integrationsmaßnahmen positive Effekte für Arbeitsmarkt und Konjunktur erzeugen werden. Und wenn in ihren Fähigkeiten geförderte Flüchtlinge nach Ende von Krieg oder Konflikten in ihren Herkunftsländern dorthin zurückkehren, könnten sie wesentlich beitragen zum Aufbau von Demokratie und Wirtschaft, so Wirtschaftswissenschafterin Gubitzer: „Care-Arbeit mit AsylwerberInnen ist dann emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit.“

Legale Aufnahmen unumgänglich

Das „5-Sektoren-Modell der Gesamtwirtschaft“, mit dem Gubitzer den überkommenen Begriff von „Wirtschaft“ erweitert – neben dem klassischen „For Profit-Sektor“, also gewinnorientierten Unternehmen, zählt sie zur „Wirtschaft“ auch den „Non-Profit-Sektor“, in dem NPOs, non profit organisations, und NGOs , non governmental organisations, angesiedelt sind, den „öffentlichen Sektor“, also den Staat, den „Haushaltssektor“ und den „illegalen, kriminellen Sektor“ – schärft die Ökonomin etwa den Blick auf die Bedeutung des Schlepper-Wesens bzw. anderweitiger Geschäftemacherei mit der Not von Flüchtlingen. Dem stark expandierenden „illegalen, kriminellen Sektor“ entgegenzuwirken verlange die „legale Aufnahme von Flüchtlingen“: „Alle Staaten in Europa, USA und Kanada sollen ihren Kapazitäten entsprechend Flüchtlinge aufnehmen, sie auf legalem Weg ins Aufnahmeland kommen lassen und dort mit effizienten Integrationsmaßnahmen versorgen“, so Gubitzer und Katholische Frauenbewegung Österreichs.

Vielfältiger Profit bei hochwertiger Versorgung und Ausbildung

Der öffentliche Sektor, so die Analyse Gubitzers, profitiere von seinen Ausgaben und Maßnahmen für Versorgungs- und Integrationsmaßnahmen mittelfristig, wenn die Maßnahmen wirksam werden, die Ausgaben sinken und Steuereinnahmen durch Erwerbs- und Konsumtätigkeit integrierter Asylberechtigter erzielt werden. Der „For Profit-Sektor“ ziehe Nutzen aus der enormen Nachfrage, die die Versorgung von Menschen auf der Flucht auslöst, aber auch durch die Erbringung von Leistungen, die ihm der Staat überantwortet, so etwa die Flüchtlingsbetreuung durch Unternehmen. Produktivitätssteigerungen seien in diesem Bereich allerdings nur möglich, wenn die Care-Leistung mangelhaft sei. Zudem profitiere der „For Profit-Sektor“ durch werbewirksame Maßnahmen im Rahmen von „corporate social responsability“, etwa durch Sach- oder Geldspenden an NPOs, die einen wesentlichen Teil der Versorgung leisten. NPOs, die gegen Rückerstattung von Kosten eine Grundversorgung von AsylwerberInnen zur Verfügung stellen, ersparen dem Staat durch die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen zusätzliche Ausgaben aus Budgetmitteln. Eine umfassende Betreuung hält AsylwerberInnen vom „illegalen-kriminellen Sektor“ fern, Integration und Bildung verhindern, dass sie diesem Sektor als billige Arbeitskräfte zugeführt werden.

Zusätzliche Care-Arbeit für Frauen

Auch aus dem „Haushaltssektor“ erwachsen aus der ökonomischen Perspektive Gubitzers durch den Einsatz Ehrenamtlicher Vorteile für den „For Profit Sektor“, etwa wenn Güter erworben werden, die gespendet werden. Allerdings gehe der den Staat entlastende Einsatz Ehrenamtlicher aus Haushalten in erster Linie auf das Konto von Frauen, die neben Erwerbs- und Hausarbeit sowie Kindererziehung nun auch noch Care-Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung leisten.

Gegen Rechtsruck und Re-Etablierung stereotyper Frauen- und Männerbilder

Gubitzer appelliert mit der Katholischen Frauenbewegung Österreichs an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft in Österreich wie auf europäischer Ebene, bei der Analyse des Themas „Menschen auf der Flucht“ und bei der Entwicklung von Handlungsoptionen sich des „5-Sektoren-Modells der Gesamtwirtschaft“ zu bedienen. Das könne auch helfen, dem wahrnehmbaren Rechtsruck und der Re-Etablierung stereotyper Frauen- und Männerbilder entgegenzuwirken.

Quelle:

Katholische Frauenbewegung, 20.6.2017, http://www.kfb.at/kfb/de/presse/aussendungen/2017/article/2039.html

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