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Wirtschaft die dem Leben dient

Veröffentlicht am: 18. Mai 2020|Meinung, Publikation|Themen: , |

Kommentar von Traude Novy

(19.5.2020) Seit dem Ausbruch der Corona Krise hat sich im öffentlichen Diskurs ein Wandel vollzogen, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Plötzlich ist das, was Ökonominnen weltweit seit Jahrzehnten zur Sprache bringen, nämlich dass die Sorge- Vorsorge- Versorgungsökonomie die Grundlage und Voraussetzung allen anderen ökonomischen Handelns ist, Allgemeinwissen geworden. Menschen in Care-Berufen werden plötzlich zu wichtigen Systemerhalterinnen und zu Heldinnen des Alltags stilisiert. Sie werden beklatscht und es wird der Blick darauf gelenkt, dass home-schooling und sonstige Tätigkeiten, die Ausgangsbeschränkungen mit sich bringen, vor allem von Frauen geleistet werden.

Schön langsam aber treten wir wieder in eine „neue Normalität“ ein und da gilt es achtsam zu sein. Denn obwohl sich viele der hochbezahlten Konzernkapitäne in der Krise kaum durch soziales Engagement hervorgetan haben – sind doch die meisten von ihnen nicht einmal bereit, auf ihre Dividendenansprüche und Boni zu verzichten – melden sich ihre Lobbyisten wieder lautstark, wo es um’s Verteilen staatlicher Mittel geht. Hingegen wird über die dringend nötige finanzielle und imagemäßige Aufwertung jener Tätigkeiten, die bezahlt oder unbezahlt, darin besteht, mit anderen und für andere und damit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sorgen, eben der Heldinnen des Alltags, immer weniger gesprochen.

Meiner Meinung liegt das daran, dass die Care-Arbeit trotz der derzeit bewiesenen gesellschaftlichen Bedeutung, noch immer nicht als fundamentaler Teil der Ökonomie gesehen wird. Dabei ist sie der Grundpfeiler und die Voraussetzung allen Wirtschaftens. Die Herkunft des Wortes Ökonomie von „oikos“ – das Haus, offenbart, dass es ja bei der Ökonomie um die Versorgung-, Vorsorge und Fürsorge geht. Aber Generationen von Ökonomen haben diese lebenserhaltenden Tätigkeiten in ihrer Befassung mit Ökonomie ausgeblendet, weil für diese Grundversorgung Frauen zumeist auch noch unbezahlt zuständig waren.

Ich bin keine Maschinenstürmerin und sehe auch in der Digitalisierung eine Technik, die bei sinnvoller Anwendung uns das Leben ziemlich erleichtern kann. Ich genieße den Fortschritt, den uns begabte Ingenieure und Wissenschaftlerinnen gebracht haben. Das alles aber verliert Relevanz, wenn die Grundversorgung nicht gut und für alle zugänglich gesichert ist.

Um das ökonomische Denken wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, braucht es deshalb von uns allen einen erweiterten Blick auf die Ökonomie. Nicht nur, dass in der Care-Ökonomie wesentlich mehr Menschen arbeiten, als in der Autoindustrie und sie durch ihre Tätigkeit das Leben am Leben erhalten, sie zahlen auch Steuern, gehen einkaufen, genießen Kultur, Sport und leisten so ihren Beitrag zum Wirtschaftskreislauf.

Da aber alle Fragen Machtfragen sind, ist es den Vertretern der For-Profit-Wirtschaft aber gelungen, allen anderen Wirtschaftsbereichen ihre ökonomische Bedeutung abzusprechen. Denn der Staat ist nach wie vor einer der größten Wirtschaftstreibenden. Die zur Verfügung-Stellung von Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsvorsorge usw. sind für die Qualität eines Wirtschaftsstandorts entscheidend. Die sogenannte „Sozialwirtschaft“ mit ihren vielen dem Gemeinwohl verpflichteten Tätigkeiten ist ebenfalls ein großer ökonomischer Bereich. Und der illegale Teil der Wirtschaft, der bis zu kriminellen Machenschaften reicht, sollte bei einem Gesamtblick auf Ökonomie nicht fehlen. Nur wenn Wirtschaft als ein Zusammenspiel von Haushalten, gewinnorientierten Unternehmungen, dem Gemeinwohl verpflichteten Organisationen und dem Staat gesehen wird, kann die Care-Ökonomie in ihrer für die Gesamtwirtschaft bedeutenden Rolle wahrgenommen werden.

Die Care-Ökonomie ist derzeit nach wie vor vorwiegend Frauenarbeit. Das ist weder in den Genen festgelegt, noch ist es Gott gewollt. Deshalb ist es für die Wahrnehmung der ökonomischen Bedeutung dieses Wirtschaftsbereichs und vor allem aus Gerechtigkeitsgründen geboten, die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern neu zu verhandeln.

Wenn der burgenländische Landeshauptmann meint, ein Mindestlohn wäre das wesentliche soziale Anliegen und Arbeitszeitverkürzung wäre unnötig, so muss ihm widersprochen werden. Um die Verteilung der unbezahlten Care-Arbeit zwischen Frauen und Männern gerechter zu gestalten, und damit auch Frauen ein höheres Einkommen zu ermöglichen, braucht es vor allem eine Arbeitszeitverkürzung. Die würde es auch Männern ermöglichen, vermehrt Care-ökonomisch tätig zu sein und die für eine reife Persönlichkeit so wichtige unbezahlte Sorge-Arbeit zu verrichten.

Zur Person: Traude Novy ist Obfrau des Vereins JOAN ROBINSON

 

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