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Nachlese: Landwirtschaft in Frauenhand

Veröffentlicht am: 6. Dezember 2018|Bericht, Publikation|Themen: |

von Johanna  Metzler (FIAN Österreich)

(6.12.2018) Zu dieser Veranstaltung am 13.11.2018 in Wien waren als Gäste Alina Menjivar, Projektkoordinatorin von La Colectiva, Maria-Waltraud Rabitsch, Fachreferentin für ländliche Entwicklung bei der ADA, Irmi Salzer, Fachreferentin für Agrarpolitik für den Grünen Abgeordneten zum Europaparlament Thomas Waitz und Michaela Schwaiger aus der Abteilung Agrarpolitik im Bundesministerium für Nachhaltigkeit eingeladen.

Melanie Oßberger (FIAN) moderierte und umriss einleitend den Begriff „Agrarökologie“. Agrarökologie meint eine Anbauweise, die regional und vielfältig, biologisch und dabei nicht-industriell ist, zu einer solidarischen Gesellschaft beträgt und gegen Machtverhältnisse in der Landwirtschaft ankämpft.

Das Frauenkollektiv „La Colectiva“ in El Salvador bezieht sich in ihrer Arbeit auf diesen Ansatz, wie Alina Menjivar erklärte. „La Colectiva“ setzt sich besonders für die lokale Entwicklung im Zusammenhang mit Frauenrechten in der Landwirtschaft ein. 

Der Fokus auf Frauen sei deswegen so wichtig, weil sie den Großteil der Lebensmittel anbauen, aber 60% der Hungernden sind. Nur 14% des Bodens gehört Frauen. Das bedeutet, dass sie wenig Kredite erhalten und wenn, dann nur Mikrokredite. Auch der Klimawandel zeigte sich im Jahr 2017 durch 60-90% Ernteausfälle aufgrund der Trockenheit. In El Salvador sind die Hauptnahrungsmittel Mais und Bohnen. Um Zugang zu einer nährstoffreichen Ernährung zu erhalten, ist es darum wichtig, dass Frauen ihre eigenen Bio-Gemüsegärten anlegen. Die Herausforderung besteht darin, dass das Landwirtschaftsministerium auf den Einsatz von Agrochemie setzt.

Eine aktuelle Positionierung von „La Colectiva“ im Bereich der Landwirtschaft zeigt sich im Kampf gegen die Wasserprivatisierung mit der Teilnahme wöchentlichen Demonstrationen, und für den Einsatz eines nationalen Gesetzes für Ernährungssouveränität.

VA Frauenhand PodiumIm Anschluss wurde das Panel eröffnet, wobei Melanie Oßberger zuerst die Frage an alle Gäste richtete, inwiefern sie die Umsetzung der Agrarökologie in der heutigen Gesellschaft umgesetzt sehen. Maria-Waltraud Rabitsch betonte, dass ökologische Landwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit Bäuer*Innen aktiv vermittelt wird. Seitens der Regierungen werden aber oft Kunstdünger und Pestizide promoted. Wie auch „La Colectiva“ würde die österreichische Entwicklungszusammenarbeit vielerorts Kleingartenprojekte unterstützen. Allerdings hat die EZA nur beschränkten Einfluss auf die Verteilung der Lebensmittel innerhalb von Familien; nicht immer können Machthierarchien in der Familie überwunden werden; die Kooperation mit Frauenorganisationen sei daher wichtig.

Michaela Schwaiger betonte, dass die österreichische Agrarpolitik flächendeckende Familienbetriebe als Ziel forciert. Allerdings sei die Entwicklung hin zur industriellen Landwirtschaft nicht aufhaltbar. Es müsste außerdem beachtet werden, dass der wirtschaftliche Aspekt der Landwirtschaft im Gesetz festgehalten sei.

Irmi Salzer stellte einleitend fest, dass die Landwirtschaft, wenn sie agroökologisch betrieben wird, einen großen Beitrag gegen den Klimawandel und für den Erhalt der Biodiversität leisten könnte. Sie stellte sich gegen die Darstellung von Frau Schwaiger der zwangsläufig fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft und kritisierte, dass immer mehr Betriebe innerhalb der EU schließen müssen; als Beispiele nannte sie Polen und Rumänien. In ihren Ausführungen zur EU-Agrarpolitik erklärte sie, wie durch die Forcierung von Lebensmittelexporten aus der EU – auch durch den Einsatz von Steuergeld – die Landwirtschaft im Globalen Süden zerstört wird. Es sei ein Paradox, dass die EU zugleich mit Entwicklungspolitik die negativen Effekte des Lebensmittelexports abfangen will.

Alina Menjivar verwies auf den Aspekt der Investitionen in Unternehmen, die eine agroindustrielle Landwirtschaft fördern. Dadurch ergibt sich der Widerspruch, dass im Globalen Süden Chemikalien gefördert werden, die in der EU schon längere Zeit verboten sind. Sie appelliert deswegen an eine gemeinsame Politik für alle Staaten.

Melanie Oßberger legte mit der nächsten Frage den Fokus  auf die Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft. Michaela Schwaiger hob hervor, dass Förderungen immer unabhängig vom Geschlecht beantragt werden können. Ein Drittel der Betriebe liege in Frauenhand, auch wenn es sich meist um Kleinbetriebe handelt. Des Weiteren würden Frauen bei Investitionen weniger Risiko eingehen und weniger in die Zukunft, sondern eher in den aktuellen Bedarf eines Betriebes investieren.

Irmi Salzer ergänzte diese Darstellung um die Einsicht, dass es bessere soziale Infrastruktur am Land brauche und Frauen häufig als Erste vom Land in die Stadt migrieren. Kein EU-Staat habe ein Projekt zur Frauenförderung  in der Landwirtschaft umgesetzt. In Österreich wurde Gender-Budgeting nicht umgesetzt, welches Projekte ermöglichen würde, die vorrangig Frauen zugutekommen.

Maria Waltraud-Rabitsch betonte, dass es hingegen in Entwicklungsländern die Frauen sind, die am Land zurückbleiben, während die Männer migrieren. Ziel der Entwicklungszusammenarbeit sei es, die Rechte der Frauen zu unterstützen. Es  werden lokale Lösungsmöglichkeiten in die Projekte integriert. Für die erfolgreiche Durchführung von Projekten bräuchte es allerdings genaue Analysen vor Ort, um die Bedürfnisse verschiedener Gruppen von Frauen zu erfassen. Frauen seien auch von Landgrabbing besonders betroffen.

Alina Menijvar hob hervor, dass es viele Frauen gibt, die für ihre Rechte kämpfen, und es wichtig sei, gemeinsam zu kämpfen.

Im Anschluss wurde der dritte Teil der Veranstaltung eröffnet, indem das Publikum Fragen an die Gäste richtete. Hier wurden insbesondere viele Fragen an Michaela Schwaiger zur österreichischen Landwirtschaft gestellt. Die Besucher*Innen der Veranstaltung forderten eine ökologischere Landwirtschaft ein. Dem hielt Michaela Schwaiger die aktuellen und vergangenen Erfolge der österreichischen Landwirtschaft entgegen, z.B. Österreich als Weizenselbstversorger. Sie  unterstrich auch, dass der österreichische Lebensmittelkonsum gewisse Folgen mit sich bringt. Beispiele seien etwa die Nachfrage nach billigen Lebensmitteln, oder dass bestimmte Teile von Tieren in Österreich gar nicht mehr verzehrt werden, was eine erhöhte Produktion z.B. von Schweinefleisch zu Folge habe.

Irmi Salzer merkte an, dass die Landwirtschaft in der Klimastrategie Österreichs nicht erwähnt ist. Dies wäre aber besonders wichtig, da der CO2-Ausstoß in der Landwirtschaft weiter zunähme. Sie fordert von der Politik ein, agrarökologische Zielsetzungen zu unterstützen.

Alina Menjivar ging abschließend noch aufgrund des Publikumsinteresses auf  die genaue Position der salvadorianischen Regierung in der Landwirtschaft ein. Die Regierung hat sich offiziell zwar dem Prinzip des guten Lebens verschrieben, allerdings fokussiert sie nur auf eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Bohnen und Mais und nicht auf Ernährungsvielfalt und Agroökologie. Auch im Bereich der Saatguterhaltung gibt es nur Initiativen aus der Gesellschaft und nicht von der Regierung.

Siehe auch: Appell an Regierung: Agrarökologie stärken, Frauen fördern (2018)

 

VA Frauenhand Alina
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